INTERVENTION

INTERVENTION I

Drei gleichformatige quadratische Bilder zeigen einen hageren, bereits älteren Mann im Brustbild. Auf dem ersten Bild links lacht er, hat beim mittleren beide Augen geschlossen, während ihn das rechte wieder mit offenen Augen zeigt, der Porträtierte, ein kantig-asketischer Charaktertyp, auf mich hier aber etwas resigniert und auch überrascht wirkt. Bei diesen Arbeiten scheint es sich um digital bearbeitete Fotografien zu handeln. Zunächst fällt mir die handwerkliche Souveränität der fotografischen Portraits von Konstantin Nemerov auf, ihre Konzentration auf das Inkarnat, ein Plastizität und Volumina unterstützendes, sachlich-klares Licht sowie die aufmerksame Sensibilität des Künstlers für sein Modell. Man scheint im Gesicht des Mannes, das Falten und Lebensspuren erkennen lässt, jede Pore zu sehen. Das dunkle Oberteil und der Hintergrund des Porträtierten rücken sein Antlitz bei allen drei Bildern deutlich in den Fokus.

Wir könnten also von intensiven Portraits im klassischen Sinne sprechen, wären da nicht jene Auflösungen und Zersetzungen, welche Kopf, Hals und Brust umspielen und die auf den ersten Blick so gar nicht zu den klar und präzise ausgeleuchteten Bildnissen passen wollen, weil sie deren Wirkung stören. Dadurch wird aber auch klar, dass hier kein physisch-materieller Auflösungs- und Zersetzungsprozess gemeint sein kann. Der Portraitierte macht offenbar etwas durch, es geschieht etwas mit ihm: Er durchlebt einen Prozess. Trotz dieser Schlüssigkeit verbleibt ein Rest Geheimnis. Daher verstehe ich diese Menschenbilder auch als Metapher unserer Zeit an der Schwelle zu einer digitalen Epoche.

Mich faszinieren insbesondere die Auflösungen an den Portraits als Verweis auf virtuelle Realität. Wir leben heute in einer Zeit, in der sich die Frage nach dem „Portrait“ und danach, was „Mensch sein“ überhaupt bedeutet, ganz neu stellt. Wie werden wir Menschen in einer Welt leben, die von Algorithmen beherrscht wird, in der Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Roboter Alltag geworden sind? Wo sich die Menschen womöglich noch dunkel zurückerinnern an eine Zeit, wo man „Ich“ sagte?

Tobias Schnotale, September 2017

INTERVENTION II

Die drei quadratischen Formate von Nemerovs Triptychon zeigen, digital gemalt, Kopf, Schultern und Brustb eines recht kräftigen und nahezu kahlköpfigen Mannes im mittleren Alter und weißen Hemd. Die Portraits grenzen sich klar vom dunkleren Hintergrund ab. Auf dem linken und mittleren Bild blickt der Protagonist den Betrachter an, während er auf dem rechten in die Ferne sieht. Die Mimik der gezeigten Person wirkt distanziert und vielleicht missmutig. Die Augen des Portraitierten haben ein strahlendes, aber künstliches Blau.

Der Mann scheint auf allen Motiven den Attacken einer fluid-flüssigen und säureartigen Substanz ausgesetzt, welche ihn offensichtlich angreift und zersetzt. Aber auch wieder nicht wirklich, wie ein genauerer Blick auf die Bilder offenbart. Die Ausprägung und Intensität der säureähnlichen Angriffe ist von Bild zu Bild verschieden, wie auch der gezeigte Mann selbst physisch jeweils unterschiedlich stark vorhanden zu sein scheint. Sehen wir hier Stadien einer Materialisierung oder Entmaterialisierung? Bei genauerer Betrachtung aus der Nähe offenbart sich, dass weder die Portraits selbst eindeutig als wirklich und real, also aus „Fleisch und Blut“ bestehend zu identifizieren sind, noch die Verletzungen, Auflösungen und Zersetzungen. Alles wirkt so, als spiele es sich in einem eigenartigen „Dazwischen“ ab. Gut getrickst und schlecht gelogen, alles mit voller Absicht. Künstler sind schließlich Überzeugungstäter.

Ein Blick auf die malerischen Details lohnt! Denn dabei zeigt sich die große malerische Vielschichtigkeit, Dichte und Intensität von Nemerovs digitalen Malerei und offenbart deren großartige abstrakte, informelähnliche Qualität. Sie ist von starker Lebendigkeit und berstender Energie und scheint sich selbst mitten in einem Transformationsprozess zu befinden: Die Farbe schichtet sich, schraubt sich in die Höhe, lässt sich in die Tiefe fallen, spritzt, taumelt, tanzt, spratzt, kleckert und läuft, dass es eine Freude ist! Kein Zweifel: Nemerov wäre ein hervorragender abstrakter Maler, denn er beherrscht diese Gesten höchst glaubwürdig. Schauen Sie, wie etwa im mittleren Bild die Farbenergien den Portraitierten gleichsam „im Würgegriff“ halten!

In diesen Bildern ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint: Der Mensch ist kein Mensch und befindet sich in keinem realen Raum. Selbst seine Verletzungen sind nicht ganz echt. Das Motiv der Gewalt jedoch kann diesem Triptychon eindeutig zugewiesen werden. Um welche Aggression aber handelt es sich hier, wenn sie denn weder physischer noch psychischer Natur ist? Nun ist es, dies alles reflektierend, kein großer Schritt mehr, im Portraitierten einen künstlichen Menschen, einen Androiden zu erkennen (die künstlich strahlenden blauen Augen weisen am stärksten darauf hin), der virtuell angegriffen wird.

Kann man überhaupt virtuell angegriffen werden? Der Hinweis auf Hacker und vielfache Missbrauch im Internet mögen diese Frage bereits hinlänglich beantworten. Nemerov nimmt hierbei aber auch eine uralte menschliche Sehnsucht in den Blick: Werden wir uns mittels technologisch rasantem Fortschritt bald ein Paradies auf Erden schaffen, ganz ohne Leid? Oder gehören Glück und Leid auch in der Zukunft notwendig zu unserer Existenz?

Ihr Smartphone würde Sie übrigens auslachen, wenn Sie behaupten, die Verschmelzung von Mensch und Maschine läge noch in weiter Ferne. Fragen Sie mal Siri.

Tobias Schnotale, Oktober 2017

INTERVENTION III

Für diesen Tetraptychon war der Kölner Künstler und Modeschöpfer „CHANG13°“ Protagonist. Er wurde von Nemerov bei einer anlässlich dieses Bildzyklus entstandenen, impulsiven Performance fotografiert und mittels digitaler Malerei interpretiert.

Auf dem rotvioletten Bild blickt der Protagonist nach oben, einem Licht entgegen. Die gelbfarbige Malerei hingegen wird insgesamt nur schwach und indirekt beleuchtet. Bei den anderen beiden Bildern wirkt das Licht zwar immateriell weiß, scheint aber jeweils hinter dem Protagonisten und den ihn umgebenden Raum zu strahlen.

Dieser Zyklus von Konstantin Nemerov wirkt auf mich wie eine Passion, eine Leidensgeschichte. Die Bilder haben etwas „Hüllenhaftes“, als zeigten sie kurze Momente einer Transformation. Nemerov taucht wie ein schamanischer Chirurg in diesen Transformationsprozess ein, indem er auf innere Impulse reagiert. So finden die Bilder zu Licht, Farbe und Form.

Besonders Interessant ist für mich, mit welcher auch körperlichen Intensität hierbei offensichtlich digitale Mittel eine spirituelle Transformationserfahrung zu vermitteln vermögen. Diese Intensität ist eine große Stärke von Konstantin Nemerov.

Tobias Schnotale, März 2018

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Projekte