BEYOND…

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Konstantin Nemerov: „beyond…“

Die Reihe „beyond…“ zeigt Paare in Situationen der Zuneigung, deren Protagonisten zugleich eigentümlich in sich versunken scheinen: Mann und Frau, Frau und Frau, Liebende, Freunde und Familienangehörige, allesamt jungen bis mittleren Alters. Durch die nostalgische, bräunliche Farbigkeit dieser Arbeiten, eine eher zeitlose Kleidung der Personen, die stehend aus nicht klar definierter Umgebung auftauchen, entsteht eine sphärische, zeit- und ortlose Wirkung, traumwandlerisch, rätselhaft und poetisch. Die Köpfe und Oberkörper eines oder auch beider Protagonisten sind von weißem, nebelartigen Rauch verschleiert. Die Szenen wirken entrückt, selbst, wenn uns einer der Abgebildeten direkt anblickt. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich der Hintergrund als ein „Dazwischen“ von Innen- und Außenraum. Hohe kathedralen- oder tempelartige Architektur sowie der Eingang, vielleicht zu einem Turm, sind schemenhaft zu erkennen.

Konstantin Nemerov bleibt trotz aller Empathie immer auch ein strenger Beobachter. Er stellt fest, dass alle Beziehungen von unbestimmter und begrenzter gemeinsamer Dauer sind. Sie werden getragen von Emotionen und Illusionen, subjektiven Erlebnissen, liebevollen und verlustreichen, von Macht, Übertragungen, Wünschen, Träumen und vielem mehr. Bei „beyond…“ fragt Nemerov nach der Wahrheit des „Ich“ im „Wir“. Er unterminiert den zuvor eigens erbrachten fotografischen „Beweis“ in Zuneigung verbundener Paare, indem er in Betrachtungskonventionen eingreift. Es geht ihm jedoch weder darum, eventuelle Brüche und Schwierigkeiten von Beziehungen zu enthüllen, noch Aussagen über Identität und Geschlechterrollen zu treffen. Sein Interesse betrifft, wie es das Wort „beyond“ meint, Möglichkeiten „darüber hinaus“. Die Energien in Konstantin Nemerovs „beyond…“-Bildern kann ich fast körperhaft wahrnehmen und durchforschen. Die gerade in Glücks-Situationen einer Paarbeziehung völlig unvermutete Frage nach dem Einzelnen stellt sich dadurch umso radikaler.

Nemerovs Bilder wirken auf mich, als wird den dargestellten Paaren gerade in Momenten innig empfundenen Glücks, „die Decke weggezogen“. Plötzlich stehen sie wieder ganz alleine da. Es ist jedoch kein voyeuristisch-enthüllender Blick. Das Transformatorische als Teil eines energetischen Prozesses fasziniert Nemerov dabei ganz konkret. Zugleich desillusionieren seine Bilder, denn sie führen vor Augen, dass die Geborgenheit und Nähe, in der sich die Partner wiegen, eine Illusion sein kann. Weitere Antworten gibt Konstantin Nemerov auf seine Arbeiten nicht. Sie verlocken aber dazu, solch unentdecktes Terrain in sich zu betreten.

September 2017 Tobias Schnotale

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